Klimastreik in Aarau

2. Teil

Die Kundgebung

Kaltes Wetter und hitzige Stimmung auf dem Bahnhofsplatz in Aarau. Kritische Texte, laute Parolen, scharfe Reden, 300 SchülerInnen.

Bild Jeremy Chaves

10:00

Es geht ein eisiger Wind. Gegen hundert Schüler stehen dick eingepackt in Jacken und Mänteln am Bahnhofplatz in Aarau. Es kommen dauernd mehr Schüler dazu. Jeder versucht sich irgendwie aufzuwärmen. Die einen füllen sich die selbstmitgebrachte(!) Tasse mit heissem Punsch, die anderen führen hitzige Diskussionen über Secondhand-Kleider oder nachhaltige Ernährung.

Bild Jeremy Chaves

10:30

Die Moderatorin, Soraya Tashima Rutschmann und der Moderator, Benjamin Koch stehen auf das Rednerpult, einen Stuhl, und eröffnen die Kundgebung. Es sind nun gut 300 SchülerInnen, Studenten und Kinder eingetroffen, mehrheitlich aus den Kantonsschulen Aarau und Wohlen.

Die Kundgebung beginnt.

10:35

Es war einmal ein Mann, der lebte auf einer Insel. Eines Tages merkte er, dass die Insel zu zittern begann.
«Sollte ich vielleicht etwas tun?», dachte er. Aber dann beschloss er, abzuwarten.

Wenig später fiel ein Stück seiner Insel ins Meer.
Der Mann war beunruhigt. «Sollte ich vielleicht etwas tun?», dachte er. Aber als die Insel zu zittern aufhörte, beschloss er, abzuwarten. «Bis jetzt», sagte er sich, «ist ja auch alles gut gegangen.»

Es dauerte nicht lange, da versank die ganze Insel im Meer, und mit ihr der Mann, der sie bewohnt hatte.
«Vielleicht hätte ich doch etwas tun sollen», war sein letzter Gedanke, bevor er ertrank.

Franz Hohler

Mit dieser nüchternen und beunruhigenden Geschichte, des Schweizer Dichters Franz Hohler beginnt Benjamin den Streik. Dann war es an den Schülern sich aufzuwärmen und das nicht nur mit einer zweiten Tasse Punsch. Drei Kniebeugen, vier Mal springen, die Kameraden umarmen und los geht’s: «Öl-Lobbyiste, ab id Chiste» «Was wemmir? Klimaschutz! Wenn wemmirs? Jetzt!» und «Wem sini Zuekuft? Eusi Zuekuft» wird geflüstert und geschrien.

Bild Jeremy Chaves

10:45

We are the world
We are the children
We are the ones who make a brighter day, so let’s start giving
There’s a choice we’re making
We’re saving our own lives
It’s true we’ll make a better day, just you and me

 

Micheal Jackson

Alle kennen ihn, alle singen mit. Den Evergreen. Den Popsong. Revolutionärer als man im ersten Moment denkt.

10:50

«Öllobbyiste, ab id Chiste!»

Fun Facts:

100% der Klimaerhitzung ist anthropogen.

Dieser Zusammenhang ist sicherer,

als die Korrelation zwischen Rauchen

und Lungenkrebs.1

Seit 2000 wurden 16 der 17 heissesten

Jahre seit Messbeginn gemessen. Die

sechs wärmsten Jahre, seit es die Menschen

gibt, waren alle nach 2010.2

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre

hat seit der industriellen Revolution

um fast 50% zugenommen.3

Das Mikrofon wandert von Rednerin zu Redner. Es wird appelliert und kritisiert, Funfacts bringen einem nicht zum Lachen sondern zum Handeln, fünf Reden, fünf Menschen, fünf Aufrufe, die einem klar machen: Wollen wir eine Zukunft, müssen wir handeln! Jetzt! Die letzte Rede kommt von Benjamin und schliesst mit den Worten:

Mir zeiged de Welt, dass mir en Veränderig wänd, dass mir en Veränderig bruched. Kamaradinne und Kamarade, das isch eusi Zuekunft, das isch euse Planet, mir müend defür kämpfe.

Bild Jeremy Chaves

11:05

«Was wemmer? Klimaschutz! Wenn wemmers? Jetzt!»

Man hat die ersten Zahlen, der anderen Streiks: 300 in Baden, 2000 in Zürich, 5000 in Genf. Mit dieser neuen Motivation singt man eine klimatisierte Version des Partisanenliedes «Bella Ciao»

Mir münd verwache

Münd öppis mache

Oh terra ciao terra ciao

Terra ciao ciao ciao

Mir münd verwache

Münd öppis mache

Demit mir eh Zuekunft hend

11:15

Die Streikeden sind gegen Klimaerwärmung, doch mit der Zeit wünscht sich der ein und andere doch eine kleine Erwärmung und holt sich schnell noch eine Tasse Punsch.

Die Kundgebung endet mit der Sage von Ökologos und der Göttin Klima von Benjamin.

Bild Jeremy Chaves

11:25

«Wem sini Zuekunft? Eusi Zuekunft!

Die 300 SchülerInnen strömen zum Bahnhof, sie nehmen den Bus zur neuen Kanti oder die S26 nach Wohlen, damit sie rechtzeitig wieder in der Schule erscheinen.

Die Organisierenden bleiben noch um die wenigen Plakate, die noch liegen geblieben sind, aufzusammeln. Auch die sonstigen Aufräumarbeiten sind schnell erledigt. Es ist schön zu sehen wie die Schüler den Bahnhofsplatz sauber und ohne Müll hinterlassen haben. Das ist ein Statement. Das ist der Schülerstreik in Aarau.

Am selben Tag haben in allen grösseren Städten ganz Nordeuropas und sogar in Uganda und Nigeria SchülerInnen für ihre Zukunft gestreikt. Alleine in der Schweiz waren am diesem Freitag knapp 25’000 SchülerInnen auf der Strasse.


Quellen:

1 Douglas Fisher. “Climate Risks as Conclusive as Link between Smoking and

Lung Cancer”. Scientific American, March 19, 2014, accessed October 8, 2018

2 National Oceanic and Atmospheric Administration, “Global Climate Report

– Annual 2017”, https://www.ncdc.noaa.gov/sotc/g

3 National Oceanic and Atmospheric Administration. “Full Mauna Loa CO2

record”. October 2018, accessed October 8, 2018.

https://www.esrl.noaa.gov/gmd/ccgg/trends/full.html

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