Bündner Schnee in Wohlen

Von Tina Lauener

 

Heute Berlin, morgen New York, nächste Woche Bangkok, dann Turin, weiter nach Moskau und dann Zürich. Der Terminplan von Arno Camenisch, einer der aktuell erfolgreichsten Autoren der Schweiz, ist vollgepackt mit Lesungen. Und trotzdem hat er sich Zeit genommen und stattete im Rahmen des Lesejahrs, der Lesewettbewerb der Mediotheken Baden und Wohlen, am letzten Mittwochmorgen der Kanti Wohlen einen Besuch ab.

 

Mit einem freundlichen „Guete Moorge“ eröffnete der stolze Bündner aus Tavanasa („das hett fiar A’s, des findat mr süsch nur in Jaapaan.“) vor rund 100 Schülerinnen und Schüler die Lesung seines Buches „Der letzte Schnee“. Drei der fünf anwesenden Klassen hatten es bereits gelesen und konnten im Voraus in das Leben von Georg und Paul, den beiden Protagonisten, eintauchen. Denn darum geht es Arno Camenisch, er will mit seinen Texten den Lesern eine Türe in eine andere Welt öffnen und sie eintreten lassen.

Und genau dies erreichte der 40-jährige, als er mit seiner tiefen, rauchigen Stimme und dem bündnerdialekt gefärbten Hochdeutsch seinem Publikum einige Kapitel komplett auswendig erzählte. Die kahle, graue Bühne verschwand und plötzlich war man selber dort, am Skilift, irgendwo in Graubünden, hinten in einem Tal. Es war nicht Camenisch, der dort oben etwas vorlas, es waren die Herren, Paul und Georg selber, die dort oben standen und erzählten.

 

Von diesen beiden Figuren handelt das Buch „Der letzte Schnee“. Als Leser verbringt man mit ihnen die Zeit, die sie an ihrem geliebten Skilift auf Besucher warten. Man hört ihren Geschichten zu, die kein Ende nehmen wollen, zu jeder Situation hat Paul eine passende Story. Und so wird der Dorfpfarrer zum Thema, dann schweift Paul ab zu den Bergen, berichtet über seine Frau und seinen Sohn, den Frauenheld und schwelgt in Erinnerungen über Skirennen mit gesegneten Brettern. Auch vogelschiessende Lehrer werden zum Thema, sowie die Jugend, die immer öfters das Dorf verlässt. Das Verschwinden ist generell in diesem Buch ein wiederkehrendes Motiv: Neben einfachen Gegenständen wie ein Skilift-Bügel, der von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist, nimmt der Text auch der klimabedingte Rückgang des Schnees auf, was den Titel des Buches erklärt.

 

Arno Camenisch greift in seinen Texten aktuelle Themen auf, die ihm am Herzen liegen, so z.B. der Klimawandel oder auch das Internet. Kommt er zur omnipräsenten Tendenz des Verschwindens zu sprechen, so verweist er auch auf die Verschiebung des Lebens in die „komische Welt“ des Internets.

 

Neben dem Inhalt legt Arno Camenisch auch viel Wert auf den Rhythmus, den Klang seiner Texte. Sie sind die Seele, der Puls des Geschriebenen. Deshalb unterbricht er auch mitten in einem Satz, um sich bei der Technik zu vergewissern, ob sein Mikrophon auch ja laut genug eingestellt ist.

Zum Schluss kommt er noch auf diverse Schreib-Tricks zu sprechen. So legt er den Schüler und Schülerinnen nahe, bei einem Aufsatz die Geschichte zuerst zu erzählen und sie dann erst aufzuschreiben. Denn „vorlesa und schriba isch vrzeela.“

 

Die knapp eine Stunde dauernde Lesung von Arno Camenisch in der Aula der Kanti Wohlen kam bei der Schülerschaft sehr gut an. Es war spannend, der ganze Saal lauschte mucksmäuschenstill dem Erzähler (Aussage einer Schülerin: „Ich habe die Aula noch nie so leise erlebt wie in dieser Stunde.“), dessen Humor prima ankam, immer wieder wurde über die gelungenen, spontanen Wortwitze und Pointen von Camenisch gelacht. Durch seine authentische und bodenständige Art konnte man sich als Zuschauer und Zuschauerin mit ihm und seinen Anekdoten identifizieren. Die Lesung war gespickt mit kurzen Geschichten aus Camenischs Leben, die sich als erfrischende und amüsante Verschnauf-Pausen in die Lesung des Textes erwiesen. Zudem machte er das Publikum mit der am wenigsten bekannten Landessprache, dem Rätoromanisch bekannt. Arno Camenisch schaffte es, sich auf die Ebene der Kantischüler zu begeben und obwohl das Buch selber keine sonst so typische Spannung erzeugt und nicht die heute übliche Geschwindigkeit mitbringt, erreichte er durch sein lebhaftes und glaubwürdiges Erzählen die volle Aufmerksamkeit seines Publikums.

 

 

 

„Wia gohts wiitr?“

 

„I weisess o net.“

 

„Abar I ha glernt, dass eppis mitm End no lang nit fertig isch.“

-Arno Camenisch

 

 


Arno Camenisch

Geboren 1978 in Graubünden, Tavanasa

Studium am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel

 

Werke:

Der letzte Schnee – 2018 (Lieblingsbuch 2018 Deutschschweizer Buchhandel)

Die Launen des Tages – 2016

Die Kur – 2015

Nächster Halt Verlangen – 2014

Fred und Franz – 2013

Ustrinkata – 2012 (Schweizer Literaturpreis 2012)

Hinter dem Bahnhof – 2010 (Berner Literaturpreis 2011)

Sez Ner – 2009 (Berner Literaturpreis 2010)

 

Seine Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt.

 

(Quelle: arnocamenisch.ch – About)

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