Die Kotzfete des Jahres

Von Flurina Riner

Ich mag den Kantiball. Ihr dürft mich nicht falsch verstehen. Mit dem Kantiball ist es so wie mit der eigenen Mutter. Man selber darf sich gerne deswegen aufregen, aber wehe jemand Externes motzt darüber. Ich habe das Glück, dass ich nicht extern bin. Und deshalb möchte ich hier mal ordentlich über den Kantiball motzen.

Der Kantiball, weiterhin gediegenes Fest in prunkvollen Abendkleidern und frisch gebügelten Anzügen. Hervorzügliches Essen und ausgezeichnete Unterhaltung, bis ins kleinste Detail durchgeplant, sicher und vor allem: elegant, vornehm, gesittet. Stilvoll ein Cüpli trinken und Apéro geniessen, sogar eine richtige Tanzfläche mit Menschen, welche Wiener Walzer richtig tanzen können. So zumindest wird er auf den Plakaten verkauft und sind wir mal ehrlich, so erzählen wir das doch auch unseren Eltern. Wir haben ja sogar Kleidervorschriften um die ganze Stimmung perfekt gediegen zu halten.

Und hier beginnt das Ganze. Dieses Jahr wurde nämlich der Vogel (oder der Pinguin) abgeschossen. Wir Kantischüler (Kantischüler sind übrigens FMS- und Gymnsasiumsschüler aber das ist ein anderes Thema), so könnte man meinen, sind genug intelligent um uns in einem angemessenen Rahmen anzuziehen. Aber man kann ja nie sicher sein oder? Deshalb ist es wohl besser ein Plakat aufhängen mit simplen Bildern, so kann auch der Letzte die Vorschriften nicht falsch verstehen. Das Problem ist folgendes: Ich bin jetzt doch schon vier Jahre hier. Und ich darf von mir sagen, ich habe sogar Mathe irgendwann kapiert. Aber dieses Plakat verstehe ich nicht. Werfen wir mal einen Blick darauf:

Also folgendes: Pullover sind verboten. Trump ist doppelt verboten. Miniröcke und bauchfrei?! sind verboten. Soweit verstehe ich noch Alles. Was erlaubt ist, wird auch gleich erklärt. Zweimal einen Anzug, einmal ein bodenlanges Kleid mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel und…..

Ein Cocktailkleid das knapp Mal den Hintern der freundlichen Dame auf dem Plakat bedeckt.

Meine lieben Vorschriftsgestalter. Wie muss ich das verstehen? Darf mein Kleid jetzt kürzer sein als bis zu meinem Po oder nicht? Oder darf er das nur, wenn ich so aussehe wie die nette Dame auf dem Plakat? Oder nur wenn es dafür nicht bauchfrei ist? Ich bin verwirrt.

Irgendwie kann ich mich dann doch soweit anziehen, dass meine Anwesenheit am Kantiball bewilligt wird und ich Einlass in die vornehme Cüpliwelt erhalte. Mein verschlossenes Evianfläschli muss draussen bleiben, es ist nicht erlaubt, Flüssigkeiten mitzubringen. Ich bin beindruckt von der konsequenten und kompetenten Kontrolle der Security und traurig über den Verlust meines Evianfläschlis. So sicher wie dieses Jahr war der Kantiball anscheinend noch nie. Sogar die Chästlis wurden zugeschraubt, was mir die Wahl gibt, meine Wertsachen entweder an der leicht überforderten Garderobe abzugeben oder sie an einen Haken zu hängen. Ich entscheide mich also für den Haken (Kantischüler wie ich haben eh kein Geld, also kann mir auch Nichts geklaut werden) und frage mich, wie viel Einfluss so zugenagelte Chästlis wohl auf den Alkoholüberkonsum haben.
Vielleicht gibt es ja dieses Jahr weniger kotzende Menschen.

Eine Stunde später bin ich vom Gegenteil überzeugt worden. Erbrechen scheint im Trend zu liegen, die Toilettenschüssel dabei zu treffen wohl eher nicht. Es ist noch nicht halb 10 Uhr gewesen und der Altersdurchschnitt der Betroffenen reicht nicht, um mir einreden zu können, dass der Alkohol wohl von der Bar stammen muss. Wie ich später erfahren habe, war es ausserdem ein leichtes den Alkohol selber mit in das Gebäude zu bringen, trotz der Kontrolle. Ich denke an mein Evianfläschli und vermisse es sehr. Dabei wäre es so unschuldig gewesen.
Der Kantiball, weiterhin ein gediegenes Fest, ist zur Kotzfete geworden in nicht mal zweieinhalb Stunden.
Glaubt mir, es geht mir hier nicht darum, ob ihr euch bis zum Erbrechen besaufen wollt oder nicht. Wenn ihr das gerne macht, dürft ihr das auch weiterhin tun. Wenn aber so viel gemacht wird, um dies zu verhindern und ich nicht mehr von meinem Chästli Gebrauch machen kann und mein Evianfläschli nicht mal ins Gebäude mitnehmen darf, damit solche Situationen nicht mehr vorkommen, und trotzdem kann man sich selber zum komatösen Saufen verhelfen, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Wenn man schon kontrolliert, dann bitte richtig. Da nützt es nichts, wenn die Securityverantwortlichen böse reinschauen und die Turnschuhträger nicht reinlassen. Die Turnschuhträger sind nämlich kein Grund für Erbrochenes neben, vor und in der Toilette.

Es ist diese scheinbare Sicherheit und Kontrolle die mich aufregt. Es scheint alles so klar und richtig und sicher. Hier ein letztes Beispiel: Plakate sollten den Konsum von fremden Getränken vorbeugen, unbeaufsichtigte Gläser wurden immer wieder weggelehrt. An sich sehr sinnvoll und sicher sehr wichtig. Aber die Wasserflaschen für nicht Akohol-trinkende Menschen standen offen und unbeaufsichtigt da. Ganz ehrlich, hätte ich jemandem einen Schaden zufügen wollen, ich hätte meine Substanzen einfach in eine solche Wasserflasche getan.

Liebe Kantischüler, liebe Organisatoren

Ich verstehe, dass Schüler am Kantiball feiern wollen. Ich verstehe, dass die Organisatoren das in einem sicheren Rahmen halten wollen. So wie es dieses Jahr passiert ist, ist aber auf beiden Seiten unverhältnismässig. Es gilt, die Grenzen für nächstes Jahr anders zu setzen. Oder zumindest zu üben, beim Kotzen die Schüssel zu treffen.

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