Gott ist nicht schüchtern

Über Gott und die syrische Welt

In ihrem dritten Roman erzählt Olga Grjasnowa schonungslos von der Tragik zweier syrischen Flüchtlingsschicksalen. Realitätsnah und – gerade deswegen – brutal.

Von Fatima Arslantas

Täglich werden wir von einer ungeheuren Flut an Medienbeiträgen zu Themen wie Flüchtlingskrise und Asylpolitik überschwemmt. Das überfordert und immer wieder Mitleid für seelenlose Texte zu empfinden können wir einfach nicht. Olga Grjasnowa lenkt mit «Gott ist nicht schüchtern» den Blick des Lesers weg von abstrakten Artikeln – zurück zu den Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flucht in der DNA

Olga Grjasnowa – in Aserbaidschan geboren und mit elf nach Berlin emigriert – gibt in «Gott ist nicht schüchtern» erschreckend realistische Einblicke in das Leben nach der syrischen Revolution und auf der Flucht. Um den Leser das Gefühl zu geben, als wäre er selbst dabei gewesen, recherchierte die Autorin in Beirut, Lesbos und in der Türkei, sprach mit Flüchtlingen, die mit Schlauchbooten übers Mittelmeer kamen und mit Soldaten der Al-Nusra-Front.

Ebenfalls eine Inspirationsquelle für ihren Roman waren sicher die Schilderungen ihres Ehemannes, ein syrisch-stämmiger Schauspieler namens Ayham Majid Agha, und dessen Vater.

Doch sie ist ausserdem geprägt von ihrer eigenen Familiengeschichte: Als Jüdin musste ihre Grossmutter im Zweiten Weltkrieg mit nur vierzehn Jahren aus Weissrussland fliehen. Die Flucht dauerte drei Jahre, die Geschichte wurde bei jeder Familienfeier erzählt. Verständlich, dass Grjasnowa das Thema am Herzen liegt.

Wenn Sicherheit zum Fremdwort wird

Die Geschichte hat zwei Handlungsstränge, die lose miteinander verknüpft sind: Amal und Hammoudi sind jung und privilegiert. Die beiden Syrer haben gute Aussichten auf eine erfolgreiche Zukunft; Amal kommt aus einer wohlhabenden Familie und ihr Vater pflegt Verbindungen zum Regime. Sie spielt, obwohl sie ihr Schauspielstudium noch nicht beendet hat, bereits die Hauptrolle in einer TV-Serie.

Hammoudi hat als zweitbester seines Jahrgangs das Medizinstudium in Paris abgeschlossen und eine Stelle als Schönheitschirurg in einem der besten Krankenhäuser der Stadt. Als eine Voraussetzung für die Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich muss er in Syrien seinen Pass verlängern lassen – eine Formalität, für die er nur ein paar Tage einrechnet. Doch bürokratische Willkür hält ihn in Damaskus fest, wo er sich bald inmitten der syrischen Revolution findet.

Auch Amals anfangs sicheres und behütetes Leben beginnt langsam auseinanderzufallen. Zuerst sind es Bekannte, die aus unerklärlichen Gründen verschwinden. Nach ihrer Teilnahme an einer Demonstration gegen das Assad-Regime landet sie selbst im Gefängnis, wo sie psychischer und physischer Folter ausgesetzt wird.

Hammoudi wird gezwungen, einer Enthauptung beizuwohnen: eine Warnung, falls er sich weigert, IS-Soldaten zu behandeln, obwohl er bereits in dem improvisierten Untergrund-Hospital bis zum Umfallen operiert. Für Amal und Hammoudi gibt es nur einen Ausweg; sie müssen Syrien verlassen.

Nüchtern und direkt, fast schon dokumentarisch schildert Grjasnowa die Flucht der zwei Protagonisten, beide mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Sicherheit – in Europa.

Sobald die Diskussion über Asylwesen und Flüchtlinge angesprochen wird, neigen viele dazu, den Blick abzuwenden. Das Problem zu ignorieren. Denn, klar, das ist viel einfacher, als sich mit fremdem Leid auseinanderzusetzen. Grjasnowa und ihr Werk schaffen es aber, Augen zu öffnen. Denn man will – und kann – irgendwann einfach nicht mehr wegsehen.

 

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern. Roman; Aufbau Verlag, Berlin 2017; 309 S., CHF 25.50

 

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